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Cafe’ Größenwahn

„Die Welt soll wärmer und weiblicher werden“

Mit diesem Spruch von H. J. Heine hat das Cafe’ Größenwahn einigen Ärger gehabt. Gemeint war die Gleichberechtigung von
Frauen und Schwulen als Gradmesser 
für eine freiheitliche Gesellschaft. Das sorgte für hitztige Diskussionen.

Die ehemalige Eckkneipe Wappenhof wurde 1978 im Eiltempo renoviert, die bleiverglasten Fenster ausgetauscht. Öffentlichkeit, Transparenz und Helligkeit war das Leitmotiv jener Jahre. Die Wände wurden zartlila gestrichen. Mit ein paar romantischen Bildern, ein paar Leuchtern und einem Klavier wurde dann am 1. Dezember die Eröffnung gefeiert. Die Gäste standen in 3er Reihen um den Tresen. Die Musikbox spielte Schlager von Marianne Rosenberg und Vicky Leandros.

Die Scheibe des ersten Flippers (aus: Größenwahn – Goliath Verlag)

In der „Zockerecke“ rechts neben dem Eingang stand bis in in die 90er Jahre der legendäre Flipper „Eight Ball de Luxe“. Der letzte mechanische Flipper seiner Art. In dieser kleinen Ecke wurde geflippert, gewürfelt, gewettet und gedealt.

Das Cafe’ Größenwahn war nie eine Schwulenkneipe. Frauen, Lesben, Schwule sollten sich selbstbewußt bewegen können und akzeptiert werden unter politisch bunt gemischten Gästen.

Für mich war das Cafe’ Größenwahn ein Wohnzimmer neben der Wielandstubb. Auf dem Weg nach Bockenheim gab es immer einen Grund noch zum „Stammtisch“ zu gehen. Meist um 23 oder 24 Uhr traf sich ein kleiner Kreis, der nicht schlafen wollte und oft bis 3 Uhr morgens diskutierte und Geschichten aus der Arbeitswelt erzählte.

2003 feierte Hans Peter Hoogen zusammen mit Papst Paul VI sein 25jähriges Dienstjubiläum. In einer braunen Kutte verkündete er auf seinem Plakat: „ Die katholische Kirche ist der größte Schwulenverband in Deutschland“.

Die Geschichte des Cafe’ Größenwahn bis zum 25jährigen Jubiläum kann Mann/Frau vergnüglich in einem kleinen Band nachlesen: GRÖSSENWAHN – 25 Jahre Szene Frankfurt in Geschichten, Bildern und Rezepten, mit Texten von Hans-Jürgen Heine im Goliath Verlag. Das Buch ist antiquarisch und im Cafe’ Größenwahn erhältlich.

Friestafel von Rudolf Scholz

Heute sitze ich am liebsten im kleineren gemütlichen Raum rechts vom Tresen vor einem Gemälde von Stefan Grunenberg, eine Hommage an Picassos Adaption von Verlazquez Las Meninas. Das „größte Kunstwerk“ im Größenwahn jedoch ist der Fries von Rudolf Scholz, 1987 begonnen waren nach 15 Jahren 25 Meter ferig gestellt mit dem Arbeitstitel „Der Zug der Argonauten“. Z. B. hat er den Held Jason als „Jasöhnchen“ gemalt mit dem Schiff in der Badewanne.

Die Größenwahnküche ist deutsch, mediterran und thailändisch, köstlich und täglich frisch zubereitet. Deshalb gibt es nur eine handgeschriebene Tageskarte mit kleinen Vorspeisen, vielen Salaten, vegetarischen Gerichten, Pasta, ein Fischgericht, mehrere Fleischgerichte und zwei Desserts. Dazu elegante Weine.

Als Rezept-Beispiel: CIANFOTTA
300g Auberginen in Würfel geschnitten, 300g Zucchini in Würfel geschnitten, 300g Paprikaschoten in Würfel geschnitten, 300g Kartoffeln in Würfel geschnitten, 300g Zwiebeln in Würfel geschnitten, 1 Stange Sellerie, in Scheiben geschnitten, 1 kleine Dose Tomaten, 3 Zweige frischer Thymian, 1 Zweig frischer Rosmarin, 1 Bund frisches Basilikum, Blätter abzupfen, 1 Msp Peperoncini, 5 Esslöffel Öl, Salz und Pfeffer.

Die Vielfalt der Größenwahnküche spiegelt sich im Größenwahn-Kochbuch wider, auf mehr als 200 Seiten mit annähernd 100 Rezepten. Es ist im Größenwahn Verlag Frankfurt in einer hochwertiger Ausstattung erschienen und als e-book.

Zum Schluß eine nette Selbstbeschreibung der Größenwahncrew: „Was die Definition des „Größenwahns“ betrifft, so folgen wir Sigmund Freud, der ihn als die Regression in eine frühkindliche Entwicklungsphase, also nicht als ein Bewusstsein des Herrschenkönnens, sondern als die Empfindung, dass man alles besitzt, was man sich wünscht, mithin als einen Zustand vollendeter Zufriedenheit bestimmt hat. Damit aber ist der Größenwahn zweifellos die gastronomische Tugend schlechthin, eine perfekte Beschreibung des Arbeitsauftrages eines Wirtes: Die Gäste bei moderater Regression in den Zustand vollendeter Zufriedenheit zu versetzen.“

Cafe Grössenwahn
Lenaustrasse 97 / Ecke Nordendstrasse
60318 Frankfurt am Main
www.cafe-groessenwahn.de

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